Die Orange der Erkenntnis – Ein fantastisches Fragment

Die neue Trigger-Geschichte ist da. Über die Weltenflüchter-Post habe ich wieder nach Reizwörtern gefragt und sie bekommen. Dieses Mal war es ein ganz schöner Brocken: Geburtshelferkröte, Prokrastinieren, Riesenrad, Lagerfeuer, Gelaber, Mittagsschlaf, Blutkonserven, Dunkelmond, Blickwinkel, Orange, Ruhe, Frühling, Bananenstaude. Und los geht's.



Ich hätte doch Mittagsschlaf machen sollen. Gedankenverloren reibe ich mir die Augen und gähne. Aber dann hätte ich den Ausflug zum Riesenrad verpasst. Der Ausflug, bei dem Thea mich beinahe geküsst …

Ein Kitzeln am Hals. Ein Klatschen. Ein hohes Summen. Daneben!

Meine Haut prickelt, aber jetzt bin ich wenigstens wach. Ich reiße die Augen auf und blinzle ein paar Mal, bis sich mein Blick scharf stellt. Ich lehne mich an das Schild „Uwes Kinderlager“ und lasse meinen Blick über die abgeranzten Baracken wandern. Uwes Kinderknast trifft es wohl besser, denke ich mir und schnaube.

Wieder summt es dicht an meinem Ohr und ich wedele wild mit meinen Händen.

„Verdammte Blutsauger!“

„Hat sie dich erwischt?“, fragt Rissa und ich nicke.

Hätte sie nicht das gesamte Zimmer mit Parfum verseucht, hätte ich nicht draußen warten müssen und dann hätte mich nicht diese Scheiß-Mücke gepikt – nur eine ihrer zwei Millionen Schwestern …

Rissa hat lange gebraucht, um sich für den letzten Abend der Klassenfahrt fertigzumachen. Ihr Make-Up ist zu dick und ihre Augenbrauen wirken blass, aber ich sage nichts. Für dieses Drama habe ich heute einfach keine Zeit. Ehrlich gesagt auch keine Lust.

Stattdessen reibe ich über die Kontur meines eigenen Gesichts. Hoffentlich sieht man den Rand nicht. Ich sollte mich öfter schminken. Oder es am besten ganz sein lassen.

Rissa kratzt ihren Oberarm, der mit fiesen roten Punkten übersät ist. Ich prüfe meine Arme. Ich hatte mal ein Kleid mit dem gleichen Muster.

„Wenn das so weiter geht, brauchen wir am Ende der Fahrt Blutkonserven für die ganze Klasse“, sage ich und überlege, mir das graue Oberteil mit den langen Ärmeln aus dem Bungalow zu holen. Aber es ist zu warm, auch wenn theoretisch noch Frühling ist.

Was ist besser? Polkadot-Arme oder Schweißflecken?

Keine Frage!

Zurücklaufen dauert sowieso zu lange. Ich will vor Thea beim Lagerfeuer sein. Dann liegt der Ball in ihrem Feld. Sie kann entscheiden, ob sie sich zu mir setzt oder nicht. w

Aber was ist, wenn sie es nicht tut?

Vielleicht hat sie gar nicht versucht mich zu küssen? Vielleicht habe ich mir das nur eingebildet? Selbst wenn Rissa nicht auf uns zugestürmt wäre? Hatte Thea sich nur vorgelehnt, um ­­– ja – um was eigentlich zu tun?

„Eva! Du machst es schon wieder?“ Rissa äfft mein Kauen nach. Es sieht aus, als hätte sie einen unsichtbaren Kaugummi im Mund.


„Jaja. Übertreib doch nicht.“ So dämlich kann das bei mir gar nicht aussehen. Hoffentlich! Trotzdem versuche ich, meinen Kiefer zu entspannen. Als wäre es nicht genug, dass ich nachts mit den Zähnen knirsche. Das hat mir Rissa die Woche jeden Tag erzählt. Ich bin heilfroh, wenn ich mir ab morgen nicht mehr das Zimmer mit ihr teilen muss. Immerhin schläft Thea in einem anderen Raum. Gottseidank.

Auf dem Weg textet mich Rissa voll, wie heiß ihr Freund ausgesehen hätte. Was für einen super Witz er gemacht hätte und wie hübsch ihre gemeinsamen Babys aussehen würden. Was für ein unerträgliches Gelaber.

Wir sind die ersten beim Feuerplatz. Nur Herr Bosel und die Lauermann sind da.

„Nehmt euch einen Stock. Gleich geht es los.“ Er grinst.

Ich glaube, er freut sich mehr auf das Lagerfeuer als wir. Wie er so um das Holz herumtanzt und die Äste sortiert. Es sieht aus, als wenn er die genaue Lage der Holzscheite berechnet. Und nichts macht Herrn Bosel glücklicher als Mathematik.

„Frau Lauermann, holst du mal den Teig aus der Küche.“

Doch die verkneift nur ihren Mund, um noch unsympathischer auszusehen als sonst und überkreuzt ihre Arme vor der Brust. „Ich dachte, den hättest du vorhin schon mit raus genommen …“

Wir sitzen so dicht an der Feuerstelle, dass wir das genervte Stöhnen von Herrn Bosel hören können, während die Alte weiterkeift. Mit erhobenen Augenbrauen schaut er zu uns rüber. Ich gucke schnell weg.

Frag Rissa. Frag Rissa. Frag Rissa.

„Eva? Kannst du bitte die Teigschüssel holen?“

Verdammt! „Ja, Herr Bosel. Kein Problem.“

Ich stehe auf und gucke mich um. Die Lauermann wackelt missbilligend den Kopf. Ihre schlecht gefärbten Locken, die sie zu einem Zopf zusammengebunden hat, hüpfen dabei auf und ab wie gelbe Tischtennisbälle. Sie sieht aus wie eine Geburtshelferkröte. Ich lächle bei dem Gedanken. Wenn ich das Rissa erzähle, lacht sie sich schlapp.



Mein Blick huscht weiter über die eintrudelnden Schüler und sucht nach ihren langen schwarzen Haaren, die so weich aussehen. Ob sie sich auch so anfühlen?

Keine Spur von Thea.

Unauffällig reibe ich meine feuchten Hände an der Jeans ab und gehe los. Ich konzentriere mich zu sehr auf meine Schritte. Laufen wäre auffällig, aber ich will auch nicht zu langsam gehen. Ich will unbedingt vor Thea wieder da sein. Ahh, ich bleibe mit meinen Sneakern an einem Stein hängen und wäre beinahe auf den staubigen Boden gefallen. Schnell gucke ich mich um, doch es interessiert niemanden.

In der Küche steht die Luft. Sofort wird meine Stirn feucht. Ich wische sie ab und spüre den Make-up-Film unter meinen Fingern. Ach, Scheiße! Ich nehme mir ein Küchenpapier und reibe mir das beige Zeug aus dem Gesicht.

Aus dem Blickwinkel sehe ich eine Orange auf dem mattsilbernen Küchentisch. Ein warmer Fleck in der sterilen Großküche. Sie leuchtet grell, strahlt sogar und obwohl sie ein paar Schritte entfernt ist, rieche ich schon ihre Süße, ihre Frische. Um die Zeit schmecken die Teile überhaupt nicht. Das weiß ich genau und trotzdem greife ich wie automatisch nach der festen Frucht. Sie liegt kühl und sicher in meiner Hand. Ein seltsames Glücksgefühl durchströmt mich. Die glatte, grobporige Schale löst sich wie von selbst. Die Bitternote der Schale kitzelt in meiner Nase und schon beiße ich in die Frucht. Der Saft explodiert in meinem Mund. Süße und Säure vermischen sich und kitzeln meine Zunge. Der Saft läuft mir am Mundwinkel herab. Ich glaube, so etwas Gutes habe ich noch nie gegessen. Ich schlucke und bin erfüllt von einer … ja … einer Ruhe. Ein letztes Mal wische ich mir mit dem Arm den klebrigen Saft vom Mund. Dann ist es vorbei. Ich bin satt. Ich bin glücklich. Ich bin erfüllt.

Ohne einen Blick zurückzuwerfen gehe ich mit der Teigschüssel unter dem Arm hinaus. Schluss mit Prokrastinieren. Schluss mit Spielchen. Schluss mit der ganzen Kinderei.

Die Abendsonne überzieht das Camp mit einem orange-goldenen Schimmer. Alles ist so unwirklich und gleichzeitig nehme ich alles mit einer ungewohnten Klarheit wahr. Ein zarter Frühlingshauch erinnert mich an die Schweißtropfen auf meiner Stirn. Ein angenehmer Schauder wandert zwischen meinen Schulterblättern hindurch. Ich rieche den Wald, die Erde, den Staub der Wege, den Rauch. Das Lagerfeuer brennt. Die Unterhaltungen meiner Mitschüler schwirren durch die Abendluft wie Bienenschwärme. Mittlerweile müssten alle da sein. Alle. Ich gehe entspannt weiter. Ich freue mich schon.

Sie sitzen in mehrere Reihen dicht gedrängt um das Lagerfeuer, wie Bananen an ihrer Staude. Ich stelle die Schüssel auf einen Tisch und bekomme einen dankbaren Blick von Herrn Bosel, der die anderen zum Stockbrot ruft.

Da ist Rissa, die ihre Augen fest auf ihren Freund gerichtet hat und jedes Wort aus seinem Mund aufpickt wie ein Huhn seine Körner. Er erzählt irgendeine Gruselgeschichte über einen Dunkelmond. Mehr höre ich nicht und es interessiert mich auch nicht.

Ich gehe an ihnen vorbei.

Auf Thea zu.

Sie lächelt. „Hi …“ Weiter kommt sie nicht.

Ich lege eine Hand an ihre Wange, lenke ihr Gesicht in meine Richtung und spüre wie sie der Berührung bereitwillig folgt.

In meinem Kopf kreisen tausend Gedanken und gleichzeitig ist er fast leer.

Es gibt nur noch einen Gedanken.

Eine Tat.

Ein Kuss.

Federleicht legen sich unsere Lippen aufeinander. So süß, so fruchtig. Es ist nur ein Moment und doch verändert er alles. Mit einem Ohr höre ich Pfiffe, Lacher, Getuschel. Ich gucke nicht hin, es ist mir egal. Nur eines zählt. Ihre Reaktion.

Sie guckt mir in die Augen. Ich sehe Überraschung darin und kann es ihr nicht verdenken. Sie legt einen Finger an ihre Lippen und flüstert. „Orange?“

Erst ein spitzer Schrei reißt uns auseinander.

„Wer hat meine Apfelsine gegessen“, keift die Geburtshelferkröte.

Obwohl lauter Fragen in meinem Kopf aufploppen, kümmern sie mich jetzt nicht. Ich grinse nur.

Tja, da hätte sie wohl selbst den Teig aus der Küche holen sollen.

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