Bitterer Schnee: Eine Kurzgeschichte auf dem Weihnachtsmarkt


Bitterer Schnee: In dieser dystopischen Kurzgeschichte ist nichts wie es scheint

Es hatte angefangen zu schneien. Ungläubig folgte ich mit meinem Blick einer Flocke, die vom Himmel zu Boden fiel. Schnee hatte ich das letzte Mal als Kind gesehen. Eigentlich war es jetzt zu warm dafür.


Wie früher steckte ich die Zunge raus, um damit eine Schneeflocke zu fangen. Sie war winzig und schmolz, ohne dass ich die Kälte spürte. Sie hinterließ nichts als einen bitteren Nachgeschmack. Ich verzog den Mund und spuckte aus. Geradewegs vor die teuren Schuhe einer Frau, die mir auf dem Weihnachtsmarkt entgegen stöckelte. Sie blickte mich angewidert an, hob ihre Nase noch ein wenig höher und ging weiter. Ich ließ meine Haare ins Gesicht fallen. Dieses Leben unter Menschen war ich nicht mehr gewohnt. Ich kam nicht von hier, ich lebte draußen. In der Wildnis.


Es gab nicht mehr viele Städte seit das Klima vor zehn Jahren verrückt gespielt und unsere Erde nachhaltig verändert hatte. Die Hälfte der Welt wurde vom Meer verschluckt, die andere kämpfte um Lebensraum. Und doch versuchten die Menschen an ihren Gewohnheiten festzuhalten. Sturer als ein altes Stück Lebkuchen.


Finster wollte sich ja unbedingt hier auf dem Weihnachtsmarkt mit mir treffen. Finster hieß eigentlich Sebastian Hell, doch seine miese Laune hatte ihm den Spitznamen beschert, mit dem man ihn besser nicht direkt ansprach.

Hinter dem bestimmt 15. Glühweinstand hatte ich ihn entdeckt. Ich sah mich um, ob uns jemand bemerkte, doch die Menschen hatten nur Augen für die blinkenden Lichter, unter denen sie gar nicht merkten, wie ihre Geldbörsen mit jedem Schritt leichter wurden.


„Hi“, sprach ich ihn an, „wartest du schon lange?“

„Hmm“, er grunzte und seine buschigen Augenbrauen ruhten fast auf seiner Nasenspitze. Alter Miesepeter.

„Hast du gesehen, dass es schneit?“, versuchte ich einfallslos das Gespräch zum Laufen zu bringen.

„Das ist nur die Schneekanone vom Karussell-Heini, der damit leichtgläubige Kinder anlockt.“ Er sah mich vielsagend an. Tatsächlich tummelten sich Kinder um das Karussell, denen ihre Eltern erklärten, was das für ein weißes Zeug war.

Es wäre ja zu schön gewesen, um wahr zu sein. Eine Hoffnung, dass sich die Erde erholte. Doch das würde sie nicht und deswegen waren sie hier. Deswegen wollten – Nein – mussten sie etwas unternehmen.

„Hast du es dabei?“, fragte Finster.

Ich kontrollierte erneut, ob niemand zu uns guckte. Dann kramte ich in meiner Tasche, bis ich einen langen, silbernen Gegenstand herauszog. Ein Messer.

„Steck das weg!“, fuhr er mich an, „warum posaunst du nicht gleich herum, dass wir den Bürgermeister töten wollen?“

Ich ließ die Waffe wieder verschwinden, während Finster mich in den Boden starrte.

„Bleib ruhig. Du musst nicht nervös sein. Es ist nicht der erste Bürgermeister, den wir erledigt haben.“ Ich ballte die Fäuste.

„Deswegen lebst du ja außerhalb. Du wirst bereits in fünf Städten gesucht.“

Ich zuckte mit den Schultern. „Die wissen nicht mal, wie ich aussehe. Ich lebe draußen, weil ich diese Enge nicht ertrage.“ Ich machte eine Geste, die nicht nur den Weihnachtsmarkt, sondern die gesamte, korrupte Stadt umschloss.


Bevor meine Mutter in den Unruhen nach der Klimakatastrophe getötet wurde, hatte sie immer gesagt: „Der Fisch stinkt vom Kopfe her.“ Und genau so war es. Die Bürgermeister der freien Städte suhlten sich in ihrer Macht und stellten sich gegen alles, was ihre Position ins Wanken brachte. Selbst wenn es der Welt helfen konnte. Deswegen mussten wir diesen Kopf abschneiden, damit es eine Zukunft geben konnte.

Ich guckte zurück zur Schneekanone und zu den staunenden Kindern. Dann wand ich mich ab. „Wir müssen los.“ Ich wusste, es war das Richtige. Damit diese Kinder eines Tages vielleicht echten Schnee sehen konnten.

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